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16.10.2020

Mediation in Zeiten der Pandemie

Dialogische Kompetenzen in Zeiten sozialen Zerrissenheit

Die Pandemie fordert den sozialen Zusammenhalt in allen Bereichen unseres Lebens heraus. Familien stehen vor Herausforderungen, die in unseren Breiten so noch nicht in dieser Generation vorgekommen sind. Homeoffice, Kinderbetreuung, Homeschooling und bei vielen auch die Sorge um die wirtschaftlichen Grundlagen und den Arbeitsplatz stellen auch die beste und stabilste Beziehung auf eine harte Probe.

Gesellschaftlich, politisch, sozial und wirtschaftlich erleben wir, wie sehr wir in einer globalisierten Welt leben, in der alles mit allem zusammenhängt und sich gegenseitig beeinflusst. Entwicklungen und Entscheidungen am anderen Ende der Welt haben unmittelbare und gravierende Folgen überall auf unserem Planeten. Was in der Klimakatastrophe abstrakt bleibt, wird durch die Pandemie zu einer realen und hochdynamischen Bedrohung. Auf dem Spiel stehen nicht nur unserer Wohlstand, sondern unmittelbar auch unsere Freiheit und letztendlich auch unsere Ordnung. Und was für den globalen Norden gilt, betrifft den globalen Süden in weit größerem Maße. Viel zu lange hat der globale Norden die prekären und skandalösen Verhältnisse im globalen Süden ignoriert. Jetzt betrifft es auch uns hier in den Regionen der Welt, in denen es Menschen auf diesem Planeten am besten geht. Die Pandemie zeigt wie in einem Brennglas die Probleme unserer Welt auf und sie macht deutlich, dass Lösungen nur miteinander und nicht durch Abschottung und gegeneinander möglich sind. Bei aller Bedrohlichkeit für die Gesundheit und das Leben vieler, kann darin auch eine große Chance für die Menschheit liegen. Die Schärfung unseres Bewusstseins dafür, wie fragil unsere Welt ist und dass wir neue Wege gehen müssen, um miteinander gut leben zu können.

Kooperation ist auf dialogische Kompetenzen angewiesen

Probleme dieser Magnitude kann kein Mensch alleine, kann keine Gesellschaft und kein Staat alleine lösen. Nur gemeinsam ist dies möglich. Doch Appelle reichen hier nicht. Kooperation und Miteinander erfordern andere Kompetenzen und vor allem eine andere Haltung, als Konkurrenz und Gegeneinander. Populistische Parolen helfen hier überhaupt nicht weiter, finden jedoch angesichts der Unübersichtlichkeit und Komplexität der Probleme vermehrt Anklang.

Wie nie zuvor ist die Menschheit auf ihre dialogischen Fähigkeiten angewiesen. Räume zu schaffen, in denen wir gemeinsam nach besten Lösungen suchen. Der Komplexität zu entsprechen, indem wir aus zahlreichen Perspektiven auf das Problem schauen. Lösungen können nicht nur aus der virologischen Perspektive kommen. Es braucht dazu auch Epidemiologen, Medizinern, Wirtschaftswissenschafter, Soziologen, Mathematiker, die Modelle entwickeln können, Informatiker, die Simulationen bauen können und Politiker, die wissensbasierte Entscheidungen zu treffen in der Lage sind, die von der Bevölkerung akzeptiert werden können. Für solche Prozesse müssen Räume geschaffen werden und sie bedürfen der professionellen Moderation und Mediation. Auf diese Weise werden interessenorientierte und wissensbasierte Lösungen möglich, die jederzeit wieder agil an die sich dynamisch verändernde Situation angepasst werden können.

Bislang verharren die Verantwortlichen jedoch in ihren bestehenden Mustern. Anfangs bestimmte vor allem die virologische Perspektive die Entscheidungen. Auch wenn die meisten Virologen von Anfang an betont haben, dass sie sich die Beteiligung von Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen etc. wünschten, zeigte sich die Politik hier schwerfällig. Sicher ist, dass wir in diesem Jahr viel darüber gelernt haben, wie das Virus sich verhält. Es bleibt aber die Erschütterung, wie wenig wir auf dieses Ereignis vorbereitet waren. Der Neoliberalismus hat in den Jahren zuvor das Gesundheitssystem in zahlreichen Ländern kaputtgespart, eingeschränkt und wesentliche Institutionen abgeschafft.

Die Perspektive der Mediation

Aus mediativer Sicht ist das alles erschütternd. Es ist ja nicht so, dass wir nicht über das Wissen und die Kompetenzen verfügen würden, wie solche Prozesse zu gestalten wären. Es ist auch nicht so, dass dies nicht schon mal stattgefunden hat. Als die Vogelgrippe vor einigen Jahren die Welt mit einer Pandemie bedrohte, hat die zuständige internationale Organisation, die OIE in Paris, unmittelbar einen Mediationsprozess initiiert. Binnen weniger Monate wurden auf Sitzungen auf der ganzen Welt, Lösungen entwickelt und dann regional umgesetzt. Damals ist es, unter ganz anderen Bedingungen gelungen, die Verbreitung und Übertragung auf den Menschen im Großen und Ganzen zu verhindern. Klar ist, Covid-19 ist ein völlig anderer Fall. Doch das Versagen der internationalen Organisationen in diesem Fall ist beispielslos.

Für uns Mediatoren hat die Pandemie auch ganz eigene Konsequenzen. Mediation lebt von der Präsenz der Menschen in einem Raum. Dies ist jetzt nicht mehr in allen Fällen möglich. Die Online-Mediation ist ein Ersatz, der nach unseren Erfahrungen, erstaunlich gut funktioniert. Doch wir kommen selbstverständlich hier an Grenzen. Manche Themen erfordern die Präsenz der Beteiligten, damit ein sinnvoller Dialog und verstehen möglich wird. Die Krise führt gleichzeitig zu einer erhöhten Nachfrage nach unseren Diensten, denn die Konflikte in Unternehmen, NGOs, Wohlfahrtsverbänden, Familienunternehmen und auch in Familien nehmen gerade ebenso exponentiell zu, wie die Zahl der positiv getesteten.

Mediation - mehr als nur die Förderung individueller Fähigkeiten

Die weltweite Krise verdeutlicht, dass wir die Kompetenzen zum Dialog und zur Kooperation intensiv ausbauen und fördern müssen. Bisherige Muster der Zusammenarbeit haben ihre Begrenztheit angesichts der globalen Herausforderungen offenbart. Um mit den aktuellen und kommenden Herausforderungen umgehen zu können, brauchen wir mehr mediative Kompetenzen in allen Bereichen unseres Lebens und überall auf der Welt. Das mag sich utopisch anhören und das ist es auch. Aber ohne die konkrete Utopie einer Welt, in der das Recht auf Selbstbestimmung verwirklicht wird und Menschen gemeinsam über ihr Schicksal entscheiden, werden wir eine gute Zukunft nicht gestalten können.

Mediation muss daher heraustreten aus der reinen Förderung individueller Kompetenzen. Die Probleme dieser Welt sind struktureller Natur und müssen entsprechend strukturell und institutionell angegangen werden. Ähnlich wie beim Klimawandel können wir das Problem nicht dadurch lösen, dass wir moralische Forderungen an den Einzelnen stellen, sondern wir müssen politische Lösungen voranbringen und schaffen. Dies entbindet niemanden von seiner/ihrer Verantwortung, aber es schärft den Blick für das, was bildungspolitisch, sozialpolitisch und wirtschaftspolitisch jetzt drängender denn je geboten ist. Die Pandemie offenbart unsere Schwächen – für die kommenden Probleme können wir uns diese nicht mehr erlauben – sie ist jetzt schon unverantwortlich.

Es ist daher nicht zu viel verlangt, wenn die Berufung von professionellen Mediator_innen von den verantwortlichen Regierungen für die Moderation von Beratungsgremien und Expert_innengesprächen gefordert wird. Die Themen sind zu ernst, um sie nur Politikern und Fachexpert_innen zu überlassen. Wir brauchen Politiker_innen und Expert_innen. Diese brauchen aber Mediator_innen, damit sie verstehensorientierte Entscheidungen treffen können.

Wir müssen also die Mediation als ein Mittel zur Verfolgung der konkreten Utopie einer Welt in der Kooperation und Selbstbestimmung verwirklicht werden, weiter vorantreiben.

Tags: Blog  

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