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01.11.2018

Myanmar - Ein Land in der Selbstblockade

Wer an Myanmar denkt, der hat exotische Bilder von goldenen Pagoden, buddhistischen Mönchen und Nonnen in ihren farbenfrohen Gewändern in Yangon vor Augen. Man denkt an die tausenden von Tempeln in Bagan, die golden im Sonnenaufgang leuchten oder die schwimmenden Gärten des Inle Sees. 

Sicher fällt einem auch die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ein, die Tochter des Generals, der noch vor der Unabhängigkeit Burmas ermordet wurde, und die jahrelang unter Hausarrest der Militärdiktatur stand. Im Zuge der Öffnung des Landes wurden Wahlen abgehalten und die Tochter wurde Chief Counselor und gilt im Westen als de-facto Regierungschefin. Wer etwas informierter ist, der denkt auch an einen der längsten Bürgerkriege in der Geschichte der Menschheit, der bis heute nicht befriedet ist und dessen Wurzeln weit in die koloniale Geschichte und davor zurückreichen.

Größte Humanitäre Katastrophe der Welt neben Syrien und dem Jemen

Die Jahre der Öffnung sind vorbei und die letzten Monate brachten für Myanmar nur noch negative Schlagzeilen in der Weltpresse. Im Rakhine, dem westlichen Staat der Union von Myanmar werden wir Zeugen der größten humanitären Katastrophe neben Syrien und dem Jemen. Hunderttausende von Menschen, die zu den Rohingyas gezählt werden und praktisch staatenlos sind, werden brutalst verfolgt, ermordet und vergewaltigt. Wer konnte, der floh nach Bangladesch. Die Bilder dieser brutalen Morde und Vertreibung gingen um die Welt. Und das Morden und die Vertreibung gehen immer noch weiter. Und als wäre das nicht alles schon schrecklich genug, droht nun seinerseits in Bangladesch die nächste Diktatur. 

Keine Zeit mehr für Geduld

Die Hoffnungen des Westens, dass die Trägerin des Friedensnobelpreises dieser humanitären Katastrophe entgegentreten würde, wurden enttäuscht. Es offenbart sich nun, dass die Projektion aller Hoffnungen auf eine Person naiv war.

Mittlerweile gibt es eine Resolution der UN, die eine strafrechtliche Verfolgung der Menschenrechtsverletzungen in Myanmar fordert. Die westlichen Staaten, allen voran die EU, fordern die Wiedereinführung von Wirtschaftssanktionen gegen das Land. Doch diese würden nicht die Verantwortlichen in Militär und Staat, sondern die Bevölkerung und den gerade erst begonnenen wirtschaftlichen Aufschwung treffen. Es ist vor allem der Textilbereich, der wirtschaftlich von der Öffnung des Landes sehr profitiert hat. Sanktionen würden besonders Frauen schaden, die in diesem Bereich arbeiten, und die damit ihre Einkommensquelle verlören und ihre Familien nicht mehr ernähren könnten. 

Gleichzeitig hat die Währung bereits massiv an Wert verloren und Korruption beherrscht weiterhin die Wirtschaft. Die Reichen im Land würden sich mit Sanktionen gut arrangieren können. 

Wer immer diese Missstände im Land anprangert, muss mit der ganzen Härte des Regimes rechnen und wird zu harschen Gefängnisstrafen verurteilt. Die beiden Journalisten Wa Lone und Kyaw Soe Oo wurden jeweils zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie über nachweisbare Verbrechen der Militärs berichtet hatten. Der mutige Polizeibeamte, der zu ihren Gunsten aussagte, wurde aus dem Dienst entfernt und sein Leben und das seiner Familie zerstört. Das Regime fordert Geduld von seinen Bürgerinnen und Bürgern, doch diejenigen, die der Opposition noch eine Stimme geben können, sind dazu nicht mehr bereit. In ihren Augen muss sich schnell in ihrem Land etwas ändern.

Romantische Selbsttäuschung des Westens

Das romantische Bild von Myanmar ist also vor allem das: eine westliche Projektion von romantischen Sehnsüchten und Träumen, die stark von post-kolonialen Bildern geprägt ist. Die Realität ist eine ganz andere und da der Tourismus ebenfalls massiv eingebrochen ist, dreht sich die Abwärtsspirale immer schneller.

Das Regime reagiert fast reflexartig mit Trotz und Selbst-Isolation. Auf der einen Seite werden dadurch die Chinesen noch wichtiger, da diese ihre Unterstützung gerade nicht an Menschrechte binden. Auf der anderen Seite werden die Hoffnungen einer ganzen Generation enttäuscht, die hungrig nach einem Leben sind, das sie gerade angefangen haben, zu erleben.

Neue Wege finden

In solchen Situationen gibt es keine einfachen Lösungen. Allgemeine Sanktionen schaffen Opfer unter denen, die bereits Opfer sind. Der Westen mag sich dann beruhigen, dass er ja etwas tut. Gleichzeitig muss er sich dann auch nicht mit seiner eigenen post-kolonialen Verantwortung für die jetzige Situation im Land auseinandersetzen.

Aber es existieren heute bessere Möglichkeiten, wirtschaftlich diejenigen zu treffen, die ihr eigenes Land ausbeuten. Das Einfrieren von ausländischen Vermögen und die Einschränkung der Reisefreiheit könnte gezielt für die Personen veranlasst werden, die sich an den Verbrechen beteiligen und bereichern (sog. smart sanctions). Gleichzeitig würde es den Textilbereich und andere Wirtschaftsbereiche schonen, so dass z.B. keine Frau gezwungen wäre sich zu prostituieren, um ihre Familie, die von ihrem Einkommen abhängig ist, zu ernähren.

Die Kraft des Dialoges nutzen

Gleichzeitig ist es wichtig, dass das Land mit seinem Reflex der Selbst-Isolation nicht zusätzlich durch die Reaktionen des Westens zu weiterem Rückzug ermutigt wird. Es kommt also darauf an, weiter im Gespräch zu bleiben und die moderaten Kräfte im Land zu unterstützen, wo immer es geht. Kunst und Kultur vermögen solche Kommunikationskanäle offen zu halten, wenn die politischen und wirtschaftlichen Ebenen sich verschließen. Es käme also darauf an, ein solches Dialog Forum zu schaffen, ohne dass dadurch die reflexartigen Abwehrreaktionen des Regimes aktiviert werden. Noch herrscht Meinungsfreiheit in Myanmar. Noch besteht die Chance den Dialog mit den Menschen zu suchen und zu intensivieren, die an einer guten Zukunft für dieses Land interessiert sind und die in einer erneuten Isolation die Katastrophe erkennen, die sie ist. 

Kann man sich darüber verständigen, Wie man miteinander sprechen will?

Spricht man in Myanmar mit Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern so wird diese Idee eines Dialogs sehr positiv aufgenommen. Schnell ist man sich einig, dass es darum gehen muss, die Kraft des Dialoges selbst zum Thema zu machen und jede Form der Irritation dabei zu vermeiden. Das dialogische Konzept ist kein Privileg des Westens. Es hat eine mindestens ebenso lange, wenn nicht längere Tradition im Osten. 

Kunst und Kultur sind angewiesen auf Dialog, sie leben von unterschiedlichen Perspektiven und dem Respekt vor unterschiedlichen Meinungen. Unterschiede sind normal, auch darin waren sich meine Gesprächspartner einig. Gelingt es mit Unterschieden respektvoll umzugehen, so können sie dazu führen, dass gemeinsam etwas Neues geschaffen wird und die Zukunft nicht die Fortsetzung der Vergangenheit sein muss.

Es ist alles andere als gewiss. Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, ein Dialog-Forum zu schaffen, auf dem sich Repräsentanten aus Myanmar und dem Westen gemeinsam über die Kraft des Dialoges verständigen, könnten wir wichtige Voraussetzungen schaffen. Gelingt es, dass wir uns auf eine gemeinsame Art verständigen können, wie wir miteinander sprechen, dann können wir in einem nächsten Schritt vielleicht auch über die Themen sprechen, die uns heute noch verzweifeln lassen. 

Ausführliche Informationen über die Menschenrechtssituation in Myanmar finden sich bei Amnesty International: https://www.amnesty.de/jahresbericht/2018/myanmar 

Tags: Blog  

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