Von Möglichkeitsräumen - Festtagsgrüße

Es ist kaum zu glauben. Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Es ist ja nicht so, dass die Zeit gleichmäßig verläuft. Vielmehr ist es unser eigenes Erleben, das bestimmt, wie schnell oder langsam wir den Verlauf der Zeit erfahren. Albert Einstein, der Spezialist für Relativität hat es einmal ungefähr so erklärt:

„Wenn man eine Stunde intensiv gemeinsam über ein Problem nachdenkt und diskutiert, kommt es einem vor wie eine Minute. Sitzt man eine Minute auf einem heißen Ofen, kommt es einem vor wie eine Stunde. Das ist Relativität.“

Unser heutiges Zeiterleben hängt nach übereinstimmender Auffassung von vielen mit der ungeheuren Beschleunigung von Nachrichten, Informationen und tiefgreifenden Veränderungen zusammen, die wir tagtäglich erleben. Unsere moderne Gesellschaft fordert soviel Flexibilität und Anpassung von jedem Einzelnen, dass wir kein selbstbestimmtes Subjekt mehr sind, sondern ein Selbstoptimierungssubjekt geworden sind. Und dazu kommt noch, dass wir dieses Gefühl nicht loswerden, dass nicht jede neue Entwicklung es wert ist, sich ihr anzupassen.

Das erschöpfte Selbst fasst als Begriff wohl recht gut, wie sich viele von uns fühlen. Es ist ja nicht nur die ungeheure Beschleunigung der sozialen Medien, KI und seinen Auswirkungen, sondern auch die reale Welt hat sich auch 2025 nicht weiter zum Positiven entwickelt. Europa reibt sich die Augen und stellt fest, dass es auf sich selbst gestellt ist und sich zusammenraufen muss, um unsere Art zu leben, unsere Freiheit, die Demokratie und die Menschenrechte zu erhalten. Die Bedrohungen sind vielfältig. Politisch durch eine Männlichkeit, die wir eigentlich schon überwunden gehofft hatten. Eine Welt, in der Männer von Großmächten aus der Vergangenheit träumen, die sie mit Gewalt wieder errichten wollen, oder von wirtschaftlicher Dominanz mittels fossiler Energieträger, deren Verbrauch uns als Menschheit immer schneller in die globale Katastrophe führen wird. Oder von Überwachung, Kontrolle und Steuerung mittels der neuen Technologien, die die Verheißungen von Freiheit und Selbstbestimmung wie ein Märchen erscheinen lassen würden. In all diesen Welten ist sich jeder selbst der nächste und Freiheit, Selbstbestimmung, Solidarität, Freundlichkeit und Miteinander werden zu Qualitäten, die als naiv und unrealistisch belächelt werden. Wirtschaftlich und medial ist die Bedrohung real durch eine Ballung der Macht in den Händen weniger Männer, die eher davon träumen, diesen Planeten zu verlassen, als ihn positiv weiterzuentwickeln. Von Nerds, die dem Menschen so sehr misstrauen, dass sie die Macht lieber in die Hand der Technik legen wollen.

Mannes Sperber, Psychologe und Schriftsteller, hat einmal gesagt, dass „die Aussichten eines Kopfes im Zusammenstoß mit einer Faust nie glänzend waren“. Wie also reagieren auf die zunehmende Gewalt, die zunehmende Rücksichtslosigkeit, die Unterwerfung des menschlichen Geistes unter die Technik, dass „me first“ Denken? Mannes Sperber sagt es selbst: „Der entmutigende Schluss, zu dem solche Gegenüberstellungen drängt, ist indes nicht vollgültig. Denn, die das Maschinengewehr bedienen – wie weise ist die Sprache: bedienen! – und die das Giftgas abblasen, sind Menschen, die Köpfe zu verlieren haben. Sie haben sie auch, um zu denken.“

Dystrophien, Apokalypsen und Prophezeiungen des baldigen Unterganges sind so alt wie die die Menschheit selbst. Hier eine kleine Auswahl aus der jüngeren Vergangenheit:  Ende des 18. Jahrhunderts stellt Thomas Robert Malthus (1766–1834) mit wissenschaftlicher Genauigkeit fest, dass die Bevölkerung exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion jedoch nur linear, und dass es deshalb zu Hunger, Armut und Krisen kommen müsse. 1972 hat der Club of Rome die These von der Begrenztheit der Ressourcen auf unserem Planeten wieder aufgegriffen. Diesmal in Bezug auf die Rohstoffe und vorhergesagt, dass wir als Menschheit den Gürtel enger schnallen müssten, da die Rohstoffe nicht für alle Menschen reichen werden. In den 70er Jahren drohte der atomare Overkill und das Waldsterben, das Ozonloch und die Umweltschäden waren nicht mehr zu übersehen, die wir mit der Industrialisierung angerichtet hatten. In den 90er Jahren sagte Samuel P. Huntington den Clash of Cultures voraus und die last generation konfrontiert uns mit dem menschengemachten Klimawandel.

Malthus, Club of Rome und Huntington ist eines gemeinsam. Sie betrachten politische,  ökonomische und soziale Phänomen wie das Wetter. Beim Wetter ist es angemessen, es zu beobachten und sich dann darauf einzustellen. Wir machen das Wetter nicht, wir sind ihm ausgeliefert. Anders bei den Phänomenen, mit denen wir es hier zu tun haben. Alle Dystrophien, Erzählungen von Apokalypsen und Untergängen haben die Fähigkeiten des Menschen unterschätzt, Probleme anzugehen und zu lösen. Solange die Denkfähigkeit noch nicht verschwunden ist, würde Sperber sagen, solange besteht noch Hoffnung. Im 19. Jahrhundert wurde der Kunstdünger erfunden, der die Produktion von Nahrungsmitteln exponentiell wachsen ließ. Die Grundannahmen von Malthus brachen in sich zusammen. 2025 haben wir kein Ressourcenproblem mehr auf unserem Planeten, wir haben das Problem, dass wir nicht noch mehr fossile Energieträger verbrennen dürfen, um den Klimawandel nicht weiter zu befeuern. Das noch immer Menschen hungern, keinen Zugang zu Trinkwasser und Gesundheitsversorgung haben ist heute ein Verteilungs- kein Ressourcenproblem. Kurz, die Fähigkeit von uns Menschen Probleme zu lösen, wird von den Erzählern des Unterganges systematisch unterschätzt. Bislang hat jedenfalls unsere Lösungskompetenz unsere Begabung zur Schaffung von Problemen noch immer überwogen. In dem Sciences Fiction Märchen „Tomorrowland – A World Beyond“ spielt Britt Robertson die jugendliche Hauptfigur  Casey Newton an der Seite von George Cloony. Schon in der Schule wird sie mit Umweltkatastrophen, Kriegen und Weltuntergangsszenarien konfrontiert. Jedes Mal meldet sie sich und stellt ihre Frage: “Und, können wir es wieder hinbekommen?” Ihre Frage stößt bei den Lehrer:innen auf völliges Unverständnis.

Voraussetzung dafür ist, dass wir die Wirklichkeit nicht nur beobachten und erdulden, sondern als einen Raum verstehen, den wir selbst gestalten und beeinflussen können.

Robert Musil war es, der in aller Klarheit diese Denkhaltung, die Wirklichkeit nicht als festgelegt, sondern als offenes Feld von Alternativen zu verstehen, mit dem Begriff des Möglichkeitssinn versuchte zu beschreiben.

„Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm erklärt, dass etwas so ist, denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Genau hier setzte auch das Christentum mit seiner Botschaft der Hoffnung, Vergebung und Liebe an. Es ist Weihnachten, daher ist es angebracht, auch über das Christentum zu sprechen. Diese Botschaft fand Gehör bei denen, die im Römischen Reich unterdrückt, versklavt und ohne Hoffnung waren. Die Botschaft, dass es eine Welt der Erlösung gebe, ein Reich, das nicht von dieser Welt sei, eine bessere Welt, in die jeder und jede eintreten könne, weil wir Menschen alle mit den gleichen Möglichkeiten ausgestattet sind, muss von ungeheurer Faszination für diese Menschen gewesen sein. Sie brauchten keine Angst mehr haben vor dem Jammertal hier und dem Tod. Ihre Angstlosigkeit beeindruckte auch ihre Unterdrücker, deren eigene Götter bereits aus ihren Tempeln ausgezogen waren, so sehr, dass am Ende das Christentum das Römische Reich beherrschte. Dass das Christentum, kaum zur Herrschaft erlangt, dann die Systemlogik der Unterdrückung, die es aus dem römischen Reich kannte, fortsetzte, zeigt, wie wichtig es ist, dafür Sorge zu tragen, dass nicht das eintritt, was erwartbar ist, sondern das, was darüber hinaus möglich wäre.

Unabhängig von der Herrschaftsform war die Botschaft der Liebe, der Aufopferung, der Gemeinschaft und der Solidarität mit Jesus in der Welt. In ihrer säkularisierten, modernen Form begegnet sie uns heute als Humanismus und in der Form der universalen Menschenrechte. Überall auf der Welt berufen sich Freiheitsbewegungen auf diese Rechte, die wir als dem Menschen unveräußerlich ansehen. Ob bei der Überwindung der Spaltung der Welt in Ost und West, im fernen Peking bei den Freiheitsdemonstrationen, im arabischen Frühling oder heute im Kampf gegen Diktaturen und Unterdrückung. Auch die Bewegung der Dekolonialisierung, die die kolonialen Verbrechen Europas anprangert, beruft sich darauf, dass die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen ein Unrecht ist. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir Menschen auf unserem Planten nur überleben können, wenn wir als eine Menschheit denken und handeln. Auch dies ist eine mögliche Zukunft, sie kann eintreten, wenn wir uns dafür einsetzen.

Es gibt also Anlass zu Hoffnung in unserer Welt. Wir sind Menschen, die Probleme schaffen und wir haben als Menschen ein ungeheures Potential um Probleme zu lösen. Eben Möglichkeiten schaffen. Das zu denken ist nicht naiv, es ist zutiefst realistisch, denn es gibt den Möglichkeitsraum. Unsere Welt ist nicht determiniert und welche der möglichen Zukünfte sich realisiert, hängt von uns ab. Dieses Denken in Möglichkeiten ist die Voraussetzung dafür, dass wir auch die großen systemischen Probleme, denen wir uns gegenübersehen und die wir doch selbst geschaffen haben, werden lösen können. Es gibt einen belegten Zusammenhang zwischen positiven Zukunftserzählungen und Innovationsbereitschaft und positiver gesellschaftlicher Dynamik. Positive und gute Geschichten zu erzählen ist also wichtig.

Mediative Kompetenzen sind bei all dem worum es hier geht zentral und je mehr wir sie nutzen, um besseres Verstehen zu ermöglichen, je größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir Lösungen schaffen, die zu den Problemen passen. Und die dann wieder ermöglichen, positive Geschichten zu erzählen, die unsere Innovationsbereitschaft und Lösungskompetenzen weiter fördern.

In diesem Sinne wünschen Anke und ich Euch besinnliche Festtage und einen guten Start in ein neues Jahr. Wir wünschen Euch Gesundheit und Glück und uns allen ganz viele inspirierende Ideen und neue Möglichkeiten für eine friedliches Miteinander mit Mut und Heiterkeit im Herzen.

Anke und Thomas

Berlin, 22.12.2025 

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