Und was, wenn ich selbst Konfliktpartei bin?

“Ach, Du bist Mediator:in! Dann musst Du Dich doch ganz anders verhalten!” So, oder so ähnlich hat das sicher schon jede:r von Euch schon mal gehört. Die Erwartungen an uns Mediator:innen sind offensichtlich sehr hoch, wenn man selbst Teil eines Konfliktes wird. Die eben noch bewunderten Kompetenzen werden urplötzlich gegen einen verwendet und zum Vorwurf: “Von Dir als Mediator:in hätte ich das nicht erwartet!” Wir können das wunderbar als Rollendiffusion erklären: Unsere Konfliktpartner:in hat offensichtlich andere Erwartungen an uns als Konfliktpartei, wenn wir Mediator:in sind, als an andere Menschen, die nicht über diese Kompetenzen verfügen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass dies auch in strategischer Absicht geschehen kann, um mich als Konfliktpartei in ein Dilemma zu bringen und ein verständnisvolleres oder sogar nachgiebigeres Verhalten von mir zu fordern. Doch auch wenn wir es schnell erklären können, ist das Thema damit nicht erledigt.

Denn, es ist es in der Tat bedenkenswert: Was würden wir denn selbst von uns erwarten, wenn wir in einen Konflikt geraten? Wie kann ich mich als “gute Konfliktpartei” verhalten? Und was ist das überhaupt, eine gute Konfliktpartei?

Einer der wesentlichen Aspekte der Mediation ist das verstehen, sowohl von sich selbst, dem anderen und dem Konflikt in dem man sich befindet. Dafür haben wir als Mediator:innen eine Vielzahl von Kompetenzen erworben, unser Menschenbild entsprechend kalibriert und eine mediative Haltung aufgebaut. Wenn wir es also schaffen können, unsere “Verstehens-Kompetenzen” zu aktivieren, dann müsste uns das dabei unterstützen, eine “gute Konfliktpartei” zu sein. In der Rolle der Mediator:in ist dies bereits anspruchsvoll: Einen anderen Menschen in “seiner Welt” zu besuchen, und seine “Welt” zu erkunden, ohne die ganze Zeit die eigenen Wertvorstellungen, Filter, Meinungen und Vorurteile auf den anderen anzuwenden, ist nach allem was wir aus den Wissenschaften, die sich mit menschlichen Wahrnehmen und Erkennen beschäftigen, unmöglich. Auch wenn wir als Mediator:in arbeiten, können wir nicht anders, als den anderen aus unserer Perspektive wahrzunehmen. Erst der bewußte Umgang mit unserer Perspektive ermöglicht den Perspektivwechsel. Die bewußte Reflexion der eigenen Wahrnehmung ist die Voraussetzung dafür, dass wir die Welt des anderen wahrnehmen können. Die dafür notwendige Grundhaltung ist ebenso banal wie anspruchsvoll: Für den anderen sind seine Wahrnehmungen, Entscheidungen und Handlungen ebenso einsichtig und uneinsichtig, wie meine Wahrnehmungen, Entscheidungen und Handlungen es für mich sind. Ebenso wie ich in meiner Welt so handle, dass meine Handlungen zu meiner Welt passen, so ist dies auch für jeden anderen Menschen: In seiner/ihrer Welt passen die eigenen Entscheidungen und Handlungen gut zu der Welt, wie sie diese andere Person erlebt.

Daher erkunden wir in der Mediation die “Welten” der Medianden getrennt von einander, aber immer so, dass die jeweils andere Konfliktpartei die Beschreibung der Welt des anderen hören kann - nicht zuletzt durch die Paraphrasen der Mediatorin. Auf diese Weise baut sich zunehmend ein umfassenderes Verständnis über die Welten der Medianden und des Konfliktes in dem sie sich befinden und den sie schaffen auf.

Sind wir selbst Teil eines Konfliktes dann gibt es vielfältige Blockaden, die verhindern, dass wir so professionell mit dem Konflikt umgehen. Zum einen sind wir gar nicht in der Rolle und haben auch nicht das Mandat, den Konfliktfall zu mediieren. Der Einsatz unserer mediativen Kompetenzen könnte als übergriffig oder überheblich erlebt und zurückgewiesen werden, da wir uns verweigern, Konfliktpartei zu sein und, statt zu “streiten” versuchen, den Konflikt zu “moderieren” - also durch einen Rollenwechsel den Konflikt vermeiden. Das ist eine Seite der möglichen Blockaden.

Ein anderer ist, dass wir selbst vielleicht auch nicht in die Rolle der Mediator:in wechseln wollen, sondern Streitpartei sein wollen. Wir uns also bewußt dafür entscheiden, da wir die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber als wesentliche Qualität unserer Beziehung ansehen. Nicht um des Streitens willens, sondern aus Respekt vor der Qualität unserer Beziehung als gleichberechtigt teilnehmende und diese Beziehung gemeinsam gestaltende Subjekte. Sobald eine Person in die Rolle der Mediator:in wechselt, verlässt sie auch diese Ebene der gleichberechtigten Beziehung.

Kurz, wenn man Mediator:in ist, wird das Streiten erstmal nicht einfacher, sondern komplizierter. Glücklich, wer erkennt, dass darin ein feiner Humor liegt, der nicht einmal ironisch zu verstehen ist. Wir erwerben komplexe und anspruchsvolle Kompetenzen, um besser mit Vielfalt und Differenzen umgehen und verhandeln zu können und genau das macht es uns dann schwieriger, wenn wir selbst Teil eines Konfliktes werden, da dadurch für uns Blockaden und Selbstblockaden sich ergeben, die es sonst so nicht geben würde.

Neben diesen Blockaden kommen weitere hinzu: die eigene emotionale Reaktion und wie ich die Situation erlebe. Wie reagiere ich selbst auf dieses erleben, welche Geschichte habe ich mit dem anderen und wir miteinander? Welche Erfahrungen, welche Geschichte im Miteinander haben wir? In welcher Verfassung bin ich selbst gerade: Bin ich gerade eher stark, oder bedürftig? Welche Erwartungen habe ich an mich selbst, an andere und an die Qualität der Beziehung zu dem anderen?

Dies sind einige der Überlegungen, die uns bewogen haben, ein eigenes Webinar “120 Minuten: …und wenn ich selbst Konfliktpartei bin” zu entwickeln. Vielleicht hast Du jetzt auch Lust dabei zu sein? Los geht es am 11. September um 13:00 Uhr.

Hier gehts zur Anmeldung für Dich: Ich will dabei sein

Selbst eine gute Konfliktpartei zu sein ist ein hoher Anspruch an sich selbst. Mit Hilfe Deiner mediativen Kompetenzen hast Du schon gute Voraussetzungen dafür geschaffen. Gleichzeitig würde es eine mentale Überforderung darstellen, in jeder Situation eine “gute Konfliktpartei” sein zu wollen oder zu können. Wir Menschen machen Fehler und wir dürfen sie uns und anderen auch verzeihen und nehmen uns dann vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. In dem Webinar zeigen wir Wege auf, wie wir es beim nächsten Mal besser machen können.

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